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Beweglichkeit

Sommerferien

Seit wir Kinder haben und unseren Sommerurlaub wegen Kita- und jetzt auch Hortschließzeiten in den Zeitraum der Sommerferien legen müssen, unterteile ich das Jahr noch einmal in der Mitte. Silvester und Neujahr sind die ganz großen Einschnitte, aber die Sommerferien sind der nächste Anlass, um innezuhalten und zu überlegen, was war und was sein wird.

Unser Sommerurlaub ist mittlerweile vorbei. Jetzt beginnen Kita und Hort wieder, bald geht die Schule wieder los, und auch der Mann und ich gehen wieder ins Büro. Darüber, wie erholsam der Urlaub war, gehen die Meinungen etwas auseinander. Aber ich fühle mich sehr gut ausgeruht, auch wenn es sicher Einiges gab, was wir im nächsten Mal anders machen könnten, damit wir beide entspannt und erholt wieder in den Alltag starten können. Wir haben ja noch ein knappes Jahr Zeit, das zu planen …

Begeisterung

Die Kinder haben sich sowieso prächtig amüsiert und die Ferien in vollen Zügen genossen (nur sprichwörtlich – wir waren mit dem Auto unterwegs). Wir hatten eine tolle Ferienwohnung mit einem riesigen Garten. Die Kinder konnten dort von morgens früh bis zum Einbruch der Dunkelheit spielen und toben, wenn wir nicht gerade unterwegs waren. Ich habe sie beobachtet und war ein kleines bisschen neidisch. Wie sie rennen und springen, klettern und turnen und sich ausprobieren. Wie sie sich an den kleinsten Kleinigkeiten freuen können.

Vor allem Kind 2 kann jedem Stöckchen, jedem Stein, jeder Feder, die es findet, etwas Besonderes abgewinnen. Mit einem wahren Feuereifer hat es am letzten Tag im Garten der Oma leere Schneckenhäuser gesammelt und auf einem Stein drapiert. Eine lebendige Schnecke sorgte zudem jedes Mal für Begeisterungstürme.

Die Schneckenhäuser aus Omas Garten

Die Schneckenhäuser aus Omas Garten

Das große Kind rannte und turnte unentwegt durch den wirklich großen Garten der Ferienwohnung. Es übte Handstand und Radschlag und Federball und Fussball. Und wenn es nicht tobte, las es. Das tut es sowieso immer. Und auch das mit wahrer Begeisterung. Vor allem alles, was mit Star Wars zu tun hat, wird regelrecht verschlungen. Und dann noch mal von vorne. Und noch einmal.

Kind 3 ist erst einmal natürlich von allem begeistert, was seine großen Geschwister machen. Spielen die Großen Federball, muss es mitmachen. Bei Fußball sowieso. Bücher guckt es mit der gleichen Ernsthaftigkeit an wie die Großen. Bei ihm fällt ganz besonders auf, wie es den großen Geschwistern nacheifert. Kind 1 übt Handstand. Kind 2 springt auf die Hände und wirft irgendwie wild die Beine in die Luft. Kind 3 stützt sich auf Hände und Beine und streckt den Po in die Luft. Und alle Drei freuen sich wie die Schneekönige an dem, was sie können.

Sehnsucht

Ich wäre auch gerne wieder so begeistert. Von all den kleinen aufregenden Dingen, die ständig passieren, wenn man nur genau hinguckt. Von all den kleinen schönen Dingen um uns herum. Von mir selbst, aber auch von meinen Mitmenschen. Von all dem, was ich seit Jahren kaum noch wahrnehme. Denn irgendwie scheint es zum Erwachsenwerden dazuzugehören, dass man nur noch das wirklich sieht, was einen stört, was einem nicht gefällt.

Ich wäre auch gerne wieder so beweglich. Als Kind bin ich auch durch den Garten getobt. Ich bin auch lieber gerannt, als ruhig gegangen. Ich habe Handstand und Radschlag geübt (und ich habe es nie hinbekommen). Ich habe es geliebt, mich zu bewegen. Jetzt gehe ich, statt zu rennen. Schon beim Gedanken an Handstand und Radschlag bekomme ich Angst hinzufallen. Eine gewissen Vorsicht ist mit dem Alter schon angebracht. Aber diese Unbekümmertheit, diese spontane Freude an der Bewegung hätte ich gerne wieder zurück.

Und ich will wieder mit dieser Begeisterung, mit dieser Hingabe lesen. Alles um mich herum dabei vergessen. Neues lesen, Neues erfahren, Neues lernen. Als Kind konnte ich auch wahrhaft in meinen Bücher versinken. Nicht einmal mein Zimmer konnte ich aufräumen, ohne in jedes Buch, das ich wegräumte, reinzulesen. Häufig genug fiel mir das erst Ewigkeiten später auf, wenn ich das Buch (zum wiederholten Mal) zu Ende gelesen hatte. Oder meine Mutter in der Tür stand und wissen wollte, warum ich sie nicht rufen gehört hatte.

Wann hat das aufgehört? Und warum?

Bewegung

Schon vor einigen Wochen habe ich mich entschlossen, mich wieder mehr zu bewegen. Sowohl körperlich als auch geistig. Seit zwei, drei Monaten mache einen Sportkurs, nur einmal die Woche, aber ich merke, wie ich wieder aufrechter gehe, meinen Körper stärker wahrnehme. Ich fahre wieder mehr Fahrrad – noch nicht mal annährend soviel, wie ich gerne würde, aber es muss ja auch in den Alltag passen.

Außerdem lese ich wieder deutlich mehr. Ich denke wieder deutlich stärker – und zielgerichteter – darüber nach, was ich machen möchte, was ich noch erreichen möchte, wie ich mein Leben weiter gestalten möchte und wie ich mich beruflich weiterentwickeln will. Ein sehr positives Zwischenergebnis ist, dass ich mich dort, wo ich gerade bin, schon mal sehr wohl fühle. Was aber nichts daran ändert, dass ich mich weiter bewegen will. Und auch wenn ich durchaus noch unsicher bin, wohin ich genau will und was der richtige nächste Schritt dahin ist, ist das ein sehr gutes Gefühl.

 

PS: Es gab ganz viele kleine Auslöser für diese Sehnsucht nach Beweglichkeit. Ich werde davon bestimmt noch weitere vorstellen – auch wenn das bei meinem jetzigen Schreibtempo noch ein paar Jahre dauern kann – aber sehr bewegt hat mich ein wunderbarer Text von Maximilian Buddenbohm darüber, wie er sich in seinem Kind wiedererkennt. Da kam mir doch einiges sehr bekannt vor …

Sieger oder Prinzessin?

Bei dm im Regal mit Shampoos und Seifen für Kinder: Eine Seifenpackung mit einem strahlenden Jungen im Schaumbad. Aufschrift: Sieger. Eine Seife in Pokalform, alles schön in blauen Jungstönen gehalten. Daneben eine Seifenpackung in Rosa mit einem kleinen lockigen Mädchen mit Krönchen im Schaumbad. Aufschrift: Prinzessin. Eine Seife in Herzform.

Und ähnliches findet sich überall in den Spielzeugläden wieder. Auf die Farbgebung rosa für Mädchen und blau für Jungs brauche ich hier gar nicht weiter einzugehen. Dazu gibt es genug zu lesen. Auch unabhängig davon spiegeln die meisten Spielsachen die Rollenklischees wider. Bei Legofriends sitzen die (langbeinigen dünnen) weiblichen Figuren im Garten und trinken Limonade, vielleicht dürfen sie immerhin mal reiten oder mit dem Hund spazieren gehen. Sie werden als die neue beste Freundin beworben. Die männlichen Figuren sind Bauarbeiter, Zugführer, Astronauten, Rennfahrer, etc. Weibliche Figuren tauchen vielleicht noch mal als Tierpflegerinnen auf.

Bei den Überraschungseiern für Mädchen sind jetzt auch schon mal langbeinige, dünne Mini-Barbiepuppen herausgekommen, die wackelig auf einem Bein im Stöckelschuh tänzeln. Keine davon stand mit beiden Beinen fest im Leben.

Das sind erstmal ganz subjektive Eindrücke. Vermutlich gibt es von Lego auch andere weibliche Figuren mit handfesteren Beschäftigungen, wenn man danach sucht. Vielleicht ist Playmobil ja sogar ganz geschlechtergerecht in seiner Rollenverteilung (wir haben aber auch da schon eine langbeinige, dünne Reiterin mit auszuwechselnden Frisuren geschenkt bekommen).

Doch ich finde diese ersten Eindrücke schon recht bezeichnend. Immer sind es die männlichen Figuren, die etwas aktives tun, während die weiblichen Figuren einfach nur da sind und in erster Linie schön aussehen. Jungs werden motiviert, etwas zu machen, etwas zu erreichen, sich anzustrengen. Mädchen werden dazu ermuntert, schön und lieb zu sein und mit Hilfe ihres strahlenden Lächelns das zu bekommen, was sie möchten.

Da brauchen wir uns dann auch nicht zu wundern, dass Frauen sich bei Gelegenheit lieber ins Private zurückziehen, sich um Freunde und Familie kümmern und darum, dass zuhause alles schön ist. Sie dekorieren, kochen und backen, sie nähen und stricken und haben ein schlechtes Gewissen, weil es immer Frauen gibt, die das alles noch besser machen als sie (ein wenig Wettbewerb gibt es also auch unter Frauen!). Bitte nicht falsch verstehen: ich stricke auch gerne (wenn auch langsam und nicht besonders gut), ich nähe mittlerweile sogar gerne. Allerdings denke ich, dass das kein Selbstzweck sein kann. Ich glaube sogar jeden einzelnen Frau, dass sie das gerne und freiwillig macht und dass sie es gar nicht anders möchte. Aber das Gesamtbild weist dann doch wieder auf ein gesellschaftliches Phänomen hin: Wieso sind es denn (fast) immer Frauen, die gerne häuslich werden, während Männer wieder rausgehen und den Wettbewerb mit anderen suchen?

Natürlich gibt es Tage, an denen ich auch am liebsten aufhören möchte, mich anzustrengen, immer wieder gegen Widerstände anzukämpfen, immer wieder zu hinterfragen, ob ich eigentlich das richtige tue. Stattdessen würde ich auch gern einfach nach Hause gehen, die Nähmaschine hervorholen und schauen, was ich aus dem Pünktchenstoff denn Tolles machen kann. Und manchmal tue ich das sogar. Das ist ja auch völlig okay. Aber trotzdem kommt dann der Punkt an dem ich merke, dass ich mich doch nicht einfach geschlagen geben kann, sondern dass ich doch wieder gegen die Widerstände angehen und mein Bestes geben will. Mal klappt das, mal nicht. Aber aufgeben? Niemals!

Das bin ich schon meinen Töchtern schuldig. Denen will ich ja auch beibringen, nicht zu schnell aufzugeben, sondern es immer noch mal zu versuchen, bis es entweder klappt, oder sie stolz sagen können, sie haben es wenigstens ernsthaft versucht. Vielleicht lerne ich ja auch einiges davon.

Und ja, irgendwann werden auch sie mit Barbies spielen dürfen, wenn sie möchten. Mal schauen, was für Geschichten sie sich dann ausdenken.